Verletzbarkeiten am Freitag

Der Lunchtalk oder die feministische Kunst des Handelns in der Wissenschaft (Hark) entpuppte sich leider als Kaugummi-deske Veranstaltung, Keine kulinarischen Genüße , keine inhaltlichen Ergüsse. Dabei versprach die Zusammensetzung des Podiums und auch das anvisierte Thema „Umbau der Hochschulen – Gender nur als Ressource“ einiges an Aufmerksamkeit. Zu Recht ist die Frage nach Gleichstellung weiterhin wichtig, genauso wie die Fragen nach der Ausrichtung und Positionierung der Gender Studies in den Hochschulen. Und können bzw. müssen die analytischen Ressourcen dieses Faches nicht auch in andere Fächerzusammensetzungen fließen? Ich werde hier der Reihen nach ein paar der Sprecherinnen mit einigen ihrer Auftakt Aussagen verknüpfen, um eine Art Collage dieser Veranstaltung anzubieten (natürlich verkürzt und gerne auch zusammenhangslos.)
Brigitte Schnegg, Leiterin des interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterforschung Bern: „Früher: Hochschule als Ort androzentrischer Wissensproduktion, heute Gleichstellung wurde von Familienpolitik abgelöst.“
Marion Janosch, Universität Innsbruck: „Autonomen Frauenvereinen werden finanzielle Mittel gestrichen (16.000 Euro) – Tendenz der Uni von Gleichstellung hin zur Familienpolitik.“
Antke Engel, Queer Theoretikerin aus Berlin kam mit drei Analsyseebenen: „1.Förderung unabhängig von Gender, Alter, Sexualität, Race ect. – brauchen kritische-analytische Herangehensweisen auch in der Gleichstellungspolitik. 2. Gender wird als Männer und Frauen ausbuchstabiert: Ergo wir bleiben in der heteronormativen Matrix gefangen. 3. Verhältnis inner- und außerunsiversitärer Forschung: Wie kann außeruniversitäre Forschung in die Uni einfließen?“
Sabine Hark, Sprecherin der Fachgesellschaft, TU Berlin.“Wer hat wen verändert? Der Feminismus und die Gender Studies die Hochschulen oder umgekehrt? Gender Studies in der Mikrophysik der Macht der Hochschule eingeschrieben.“
Katharina Pühl, FU Berlin:“ Wo sind die Unterschiede zwischen KEG (Konferenz der Einrichtungen für Frauen – und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum) und der Fachgesellschaft? Aufforderung wissenschaftspolitische Perspektiven zu diskutieren und Post-Colonial Diskurs, Critical Whiteness in den Diskurs um Diversity mit-rein-bringen.“
Nach diesen ersten sehr ausführlichen Statements und lokalen Verortungen der jeweiligen Personen und ihres Schaffens, mürbte sich die Veranstaltung so dahin, zwischen Aufforderung ,transdisziplinärer Wissensvermittlung“ (Pühl), die rein „zufällig“ (Hark) passierten und man wohl auch deswegen gezwungen sei mit „trojanischen Pferden“ (ebd.) zu arbeiten. Unterbrochen von einigen Zuschauer-einwürfen (die meistens ebenfalls aus der Riege der Gender Studies Professur sprachen): „Man möge mit den Studentinnen kommunizieren und kooperieren“ oder eher in die gegenteilige Richtung zielend:“den Umbau der Hochschule als Chance begreifen und einsehen, dass das leistungsbezogene-unternehmerische auch zu positiven Effekten in Bezug auf die Gender Studies führe.“ Sobald ein bißchen Zunder in dieser Art Richtung Podium geworfen wurde, zuckte der Raum, statt notwendiger inhaltlicher Diskussion oder auch Zurückweisung bestimmter Statments herrschte Magenknurren auf Seiten der Zuschauer/innen, Gedankenlosigkeit auf Seiten der Moderatorin und eine gewisse Gehemmtheit auf Seite der Podiumsteilnehmer/innen. Na, dann Prost, Mahlzeit Gender Studies. Zum Glück folgten dann aber zwei inhaltliche Blöcke, die durchaus spannend waren.

Weiter ging es mit aufmunternden inhaltlichen Begrüßungsworten von Paula-Irene Villa und einigen organisatorischen Hinweisen von Nadine Sanitter. Dann kam tatsächlich noch ein etwas schwerfälliger erster Block, der mit einem philosophischen Interferenz Vortrag von Corinna Barth, Hanna Meißner, Stephan Trinkaus und Susanne Völker seinen sportlichen herausfordernden Anfang nahm: Sportlich, weil viel zu schnell – ja die Referent/innen haben nur 15 Minuten Zeit bekommen pro Vortrag, kein Grund in symbolischen Wissenshorizonten und allgemein schwerverdaulichen Allgemeinplätzen zu sprinten, die auch mit den Motiven Reflexivität, Verletzbarkeit, Praxis und Verantwortung für mich unzureichend strukturiert waren. Anschließend ein freundlicher Vortrag von Christa Binswanger (Basel) „zur Verstrickungsbeziehung v. Verletzbarkeit und Intimität,“ der mit Levinas und Shildrick auf zwei Werke von Irmgrard Keun (das kunstseidene Mädchen) guckte. Dann ein drolliger „Troll“ Vortrag von Sylvia Pritsch, der um die Sexismus Frage des Trollen im Web 20 kreiste. Spannend, aber leider technisch peinlich (Webseiten in Word-Dokumenten) und ob Nervosität oder Anspannung, die Referentin stolperte durch den Vortrag und vermittelte ein recht unbeholfenes Bild. Schade, auch erwartet man (lilith) sich von Voträgen die virtuelle Welt betreffend aktueller und weitreichendere Zusammenhänge. So wurden keine Netiquettes diskutiert (wie sie ja der Mädchenblog und die Mädchenmannschaft als zwei Beispiele auch u.a. gegen das Trollen ins Leben gerufen haben). Moderiert wurde die erste Debatte von einer erfrischend ernsthaften und zugleich sympathisch entspannten Heike Zeller.

Die zweite Debatte hat dann endlich ordentlich Schwung in die Tagung gebracht: Hier sprachen hintereinander Merve Winter (Berlin), Kathrin Zender (Zürich), Antje Kampf (Mainz) und Zara Pfeiffer (München). Themen waren Lebendorganspenden (Merve Winter), also Frauen als das vulnerable Geschlecht, die in einer ich-identitätischen Narration der Normalisierung eingebunden sind: Geben, statt zu nehmen – Zwang zu Spenden. Kaum Aufzeigen eines Entscheidungsprozesses möglich. Ein Vortrag zu medizinischen Eingriffen in intersexuelle Körper (Kathrin Zender) und eine Gegenüberstellung der Deutungsmuster der Aktivistinnen (der versehrte Körper als künstlich hergestellter Körper, der Körper als Manifest des Unrechts) und der Deutungsmuster der Medizin (Körper in einer Funktionslogik begriffen, die es durch Eingriffe zu ,heilen‘ gelte, Intersexualität als ,gesellschaftliches Problem‘, das medizinisch gelöst wird…) Anschließend der etwas Medizinwissenschaftliche Input von Antje Kampf über die zunehmende Partialisierung des männlichen Körpers in Bezug auf Infertilität. These: Soziale Vulnerabilität als Verlust der Vaterschaft? Dann der Vortrag von Zara Pfeiffer: „Die Inszenierung von (Un-)verwundbarkeit. Selbstverletzung als Performance. Anhand von drei kurzen Videosequenzen einer Müncher Künstlerin, die sich „handle with care“ in den nackten Oberkörper schneidet, einer Performance von Landauer mit einem „Hula“ auf einem Strand in Tel Aviv und einem kurzen eher teasigen Video von Jack Ass (in diesem Fall als gleich wieder in Frage gestellt Möglichkeit der ,Männlichkeit‘ als Inszenierung der Unverwundbarkeit) dekonstruierte die Referentin das Alltagswissen der Zuschauer/innen, das sie bis dato von Selbstverletzungen gehabt haben mögen. Selbstverletzung wurde hier einerseits als Reperaturversuch und mit Hilfe des lacanianschen Spiegelstadium als Dekonstruktion der Ganzheit gelesen und überzeugend argumentiert.

Ausklang mit einer Tango Performance im Lichthof der LMU mit Ute Walter und Eliane Rieger von nuevas milongueras.


1 Antwort auf “Verletzbarkeiten am Freitag”


  1. 1 frequenzen 23. Januar 2011 um 0:16 Uhr

    Obacht – sonst wird die Kritik am Ende zur Selbst-Verletzung …

    Die Gebeine von Gustav Landauer liegen seit runden 91 Jahren auf dem Waldfriedhof in München begraben. Ihm werden Aussagen nachgesagt wie: „In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei.“ oder auch „Die Welt ist ohne Sprache. ‚Sprachlos würde auch, wer sie verstünde.‘“.
    Sigalit Landau dagegen ließ sich mit Melonen im toten Meer treiben, tanzte mit dem Stacheldraht und erfreut sich (hoffentlich) guter Gesundheit.

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